Vom Wackersdorfer Wald in die Kunstmetropolen: Patrick Ostrowsky erschafft keine klassischen Skulpturen, sondern Orte aus Erinnerung, Fragmenten und Materialien, die Geschichten erzählen – Kunst, die zum Staunen und Entdecken einlädt.
Wer heute Patrick Ostrowsky in seinem Atelier in München besucht, trifft auf einen Künstler, der mit Beton, Gips, Holz und Kunstharz arbeitet – und mit etwas, das man nicht anfassen kann: Erinnerungen. Seine Werke sind keine klassischen Skulpturen, sondern oft räumliche Situationen, Fragmente, Installationen, die den Betrachter in Räume führen, die es so nicht mehr gibt.
Dass daraus einmal ein Beruf werden könnte, war zunächst alles andere als selbstverständlich. In seiner Familie gab es zwar kreative Ansätze – ein Großvater, der zeichnete, ein Vater, der Architektur fotografierte –, aber keine künstlerische Laufbahn.
Erst in der Schule, im Kunst-Leistungskurs des Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasiums in Schwandorf, wurde aus Interesse eine Richtung. „Mein Kunstlehrer hat mich darin bestärkt, dass das möglich ist.“ Ein Praktikum in der Kebbelvilla in Schwandorf wurde schließlich zum entscheidenden Moment. Neun Monate lang arbeitete er dort im Atelier – und verstand zum ersten Mal, dass Kunst mehr sein kann als ein Hobby. „Da hab ich gemerkt, dass mir das total liegt, mich im Atelier zu vergraben und zu arbeiten.“
Der erste Versuch, an der Kunsthochschule in Wien aufgenommen zu werden, scheiterte. Stattdessen ging er nach Berlin, fing an Kunstgeschichte zu studieren, merkte aber schnell, dass ihm das Praktische fehlte. „Das war nicht das, was mich begeisterte. Trotzdem war Berlin wichtig für mich, um einfach mal aus der Oberpfalz raus zu kommen. Das war ein ziemlicher Kontrast zu Wackersdorf.“ Ein Jahr später bewarb er sich erneut – diesmal an mehreren Hochschulen – und wurde an der Akademie der Bildenden Künste München aufgenommen, wo er 2020 als Meisterschüler von Florian Pumhösl abschloss.
Aus dieser Zeit nahm er eine Haltung mit, die ihm Pumhösl vermittelte und bis heute seinen Weg bestimmt: „Man muss sich fragen, wohin man will – und dann muss man da auch auftauchen. Du willst in eine Galerie? Dann musst du da hin. Du willst nach New York? Dann geh dort hin. Eigeninitiative zählt hier.“
Dieses Prinzip zeigt sich auch in seiner Biografie. Ostrowsky war nie lange an einem Ort: Studienaufenthalte in Wien und Rom, Zeit in Berlin, später Basel, dazu zahlreiche Residencies in Frankreich, Mexiko, Italien oder Österreich. Seine Arbeiten wurden unter anderem in München, Venedig, Turin oder Basel gezeigt, 2024 erhielt er das USA-Stipendium des Freistaats Bayern, das er letztes Jahr antrat, 2025 folgt ein Aufenthalt an der Cité internationale des Arts in Paris.
All diese Stationen sind für ihn nicht nur Karriereschritte, sondern vor allem Begegnungen mit neuen Perspektiven. Man kommt mit Leuten in Kontakt, die ganz andere Hintergründe haben – das schafft Empathie und verändert die eigene Arbeit.“ Während seines Studiums hat er in Rom ganz neue Seiten entdeckt: „Dort hab ich gemerkt, dass Kunst auch mal 2000 Jahre alt sein kann. Das Eingangstor in Rom, die Porta Pia von Michelangelo hat mich nachhaltig beeindruckt, oder das Pantheon dort.“ In Mexico hingegen lernt er eine ganz neue Arbeitsweise kennen. „Dort sieht man eine Community, die eng zusammen arbeitet.
Besonders prägend war das halbe Jahr in New York, dort hatte er eine Residencybeim ISCP. Die Stadt hat ihn nachhaltig gefesselt – nicht nur wegen ihrer Größe, sondern wegen ihrer Energie. „New York ist das Zentrum, wo viele Sachen zusammen kommen und passieren. Das ist generell ein Ort, der sehr inspiriert“, sagt er. „Es gibt so viele Kunstszenen, die sich überlagern. Aber man findet schnell eine Bubble, die zu einem passt.“ Während in anderen Städten die Kunstszene oft heterogener sei und in einem engeren Kreis stattfinde, spüre er dort eine besondere Intensität. „In New York haben alle sehr groß gearbeitet und sehr viel Raum eingenommen.“ Gleichzeitig war diese Zeit auch ein Wendepunkt.
Nach Monaten unterwegs, in New York, Paris und seinem zweiten Atelier in Basel, ist er nun an den Punkt angekommen, sich zu reduzieren und auf das Atelier in München zu konzentrieren. Trotzdem steht eine weitere längere Residency in New York auf dem Plan: „Die wäre aber selbstfinanziert, also ohne Stipendium. Selbstfinanziert heißt aber nicht, dass ich alles selbst bezahle, sondern, dass mich jemand Drittes, also eine Galerie oder ein Sammler finanziert.“
Im Zentrum seiner aktuellen Arbeiten steht die Frage, wie Erinnerung in Räumen und Objekten gespeichert ist. Seine Kunst bewegt sich zwischen Skulptur, Installation, Architektur und Design, doch es geht ihm weniger um einzelne Werke als um das Zusammenspiel mit dem Raum. „In meinen Arbeiten geht’s um Erinnerung und darum, wie sie sich in Objekten niederlegt und einschreibt.“
In der Werkserie „Exhausted Ghosts and Storage Problems“ hat er begonnen, Räume aus seiner eigenen Vergangenheit zu rekonstruieren – Zimmer, Wände, Fragmente von Orten, an denen er gelebt hat. Diese Nachbauten sind keine nostalgischen Rückblicke, sondern Versuche, etwas Flüchtiges festzuhalten. „Eine Erinnerung ist ja was Fluides, sie verändert sich ständig“, sagt er. „Sie ist ein lebendiger Akteur.“ Seine Arbeiten machen genau das sichtbar. Dass Vergangenheit nicht feststeht, sondern sich immer wieder neu formt.
Diese Idee zeigt sich auch in seiner Materialwahl. Der Künstler arbeitet bewusst mit Materialien, die nicht perfekt sind – Beton, der dünn verwendet oft fragil wird, Holz, das Spuren trägt, Kunstharze, die sich unerwartet verhalten. „Ein Objekt mit Fehlern regt mich mehr zum Nachdenken an, als etwas Perfektes“, sagt er.
In einer von glatten Oberflächen geprägten Umwelt setzt er auf Brüche und Unebenheiten. „Mein Handy ist glatt und Schaufenster sind immer perfekt. Ein Objekt mit Fehlern – brüchig oder porös, regt mich also mehr zum Nachdenken an.“ Besonders spannend findet er Kontraste wie hart und weich. „Zeit und Erinnerung sind ja auch bruchstückhaft“, erklärt er. Genau diese Brüche machen seine Arbeiten lebendig.
Sein Arbeitsprozess folgt dabei keiner festen Anleitung. Zwar beginnt vieles mit einer Idee, doch der Weg dorthin bleibt offen. „Ich fang mit einer groben Vorstellung an und versuche, diese materiell umzusetzen“, sagt er. Dann wird gebaut, verändert, verworfen, neu gedacht. Oft entstehen Werke, die zunächst wie Modelle wirken und sich erst im Prozess zu eigenständigen Arbeiten entwickeln.
Dabei spielt auch der Zufall eine wichtige Rolle. „Die Arbeit gibt mir manchmal ein Geschenk“, sagt er – Momente, in denen sich etwas Unerwartetes zeigt. Diese Offenheit ist für ihn entscheidend: nicht alles kontrollieren zu wollen, sondern auf das zu reagieren, was im Prozess entsteht. Inspiration findet er dabei nicht nur in Ausstellungen oder bei anderen Künstlern, sondern auch im Alltag: in Städten, in Architektur, in sogenannten „Nicht-Orten“, also zufälligen Konstellationen aus Dingen, die übrig geblieben sind.
Geprägt ist Patrick unter anderem von der Minimal Art und deren Weiterentwicklungen, wie Post Minimal Art, von Künstlern wie Donald Judd, Oscar Tuazon, Scott Burton oder Gordon Matta-Clark, dessen radikale Eingriffe in Architektur ihn besonders faszinieren. Gleichzeitig hat er durch seine internationalen Erfahrungen gelernt, dass es keine universelle Definition von Kunst gibt. „Es gibt nicht die eine Idee, was Kunst ist“, sagt er.
Für ihn zählt vor allem die Wirkung: „Ein gutes Kunstwerk muss mich ansprechen, etwas in mir auslösen – ein Gefühl oder Gedanken. Ich will auch ein bisschen überrascht oder überwältigt werden. Manchmal ist es ein kleines Detail, das ich schätze, manchmal die ganze Ausstellung. Es ist, wie wenn man einen Menschen auf der Straße trifft – entweder er ist einem direkt sympathisch oder nicht.“ Wenn Besucher seine Arbeiten sehen, wünscht er sich genau das: dass sie sich darauf einlassen, dass sie etwas darin entdecken, das sie berührt. „Dass sie merken, da steckt eine gewisse Poetik drin – und dass sie ihre eigenen Erinnerungen darin wiederfinden.“
Trotz seines internationalen Wegs bleibt die Verbindung zur Oberpfalz bestehen. Mehrmals im Jahr kommt er zurück, verfolgt die Entwicklungen vor Ort und denkt darüber nach, selbst Projekte in der Region umzusetzen. „Ich fänd’s spannend, mit dem Erfahrungsschatz, den ich jetzt habe, etwas zu machen, das ich als Jugendlicher gern gesehen hätte.“ Kunst soll dabei nicht abschrecken, sondern herausfordern und gleichzeitig zugänglich sein – etwas, das neue Perspektiven eröffnet.
Die Zukunft ist für Patrick offen – und genau das macht sie für ihn spannend. Weitere Ausstellungen, vielleicht wieder New York, vielleicht ein Projekt im öffentlichen Raum, das langfristig bestehen bleibt. Ein konkreter Wunsch ist das SculptureCenter in Queens, New York, ein Ort, an dem er seine Arbeiten gerne einmal zeigen würde. „Ich würde gern auch mal was mit Aluminium oder Bronze machen – oder mehr mit Edelstahl als Kontrast zu eher roughen Materialien.“
Gleichzeitig freut er sich auf etwas sehr Bodenständiges: Zeit in seinem Atelier in München, um neue Ideen weiterzuentwickeln und das umzusetzen, was sich in den letzten Monaten angesammelt hat.