Zwischen Brotkisten und Hoffnung: Ein Ausgabetag bei der Weidener Tafel und im Sozialkaufhaus | Weiden24

Mehr als 13 Millionen Menschen galten 2025 in Deutschland als armutsgefährdet und sind auf die Tafel angewiesen.  (Bild: Indrawan – stock.adobe.com)
Mehr als 13 Millionen Menschen galten 2025 in Deutschland als armutsgefährdet und sind auf die Tafel angewiesen. (Bild: Indrawan – stock.adobe.com)
Mehr als 13 Millionen Menschen galten 2025 in Deutschland als armutsgefährdet und sind auf die Tafel angewiesen. (Bild: Indrawan – stock.adobe.com)
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Mehr als 13 Millionen Menschen galten 2025 in Deutschland als armutsgefährdet und sind auf die Tafel angewiesen. (Bild: Indrawan – stock.adobe.com)

Zwischen Brotkisten und Hoffnung: Ein Ausgabetag bei der Weidener Tafel und im Sozialkaufhaus

Armut ist längst kein Randthema mehr – auch in Städten wie Weiden. Die Tafel und das Sozialkaufhaus sind für viele kein Zusatzangebot, sondern eine wichtige Stütze im Alltag. Ein Besuch vor Ort zeigt, was hinter den Kulissen geleistet wird.

Um 6.30 Uhr morgens fährt der erste Transporter los. Weiden schläft noch. Die Straßen sind leer, das Neue-Welt-Kino nebenan liegt dunkel, nur vereinzelt brennt irgendwo Licht. In dem ehemaligen Edeka-Markt direkt daneben beginnt der Tag trotzdem früh. Seit 2017 ist hier die Weidener Tafel untergebracht – ein Ort, der von außen unscheinbar wirkt, für viele Menschen in der Stadt und im umliegenden Landkreis aber längst zur festen Größe geworden ist.

Die Fahrer holen Brot, Semmeln, Krapfen, Croissants, Obst und Gemüse. Lebensmittel, die heute noch gut sind, aber im normalen Handel keine Abnehmer mehr finden würden. „Wir fahren selbst zu den Bäckereien und Lebensmittelmärkten und prüfen vor Ort, ob die Lebensmittel noch frisch sind“, sagt Rainer Sindersberger, seit eineinhalb Jahren ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender. Vertrauen ist wichtig – Kontrolle auch. Gerade wenn es um Lebensmittel geht, die am Ende bei Menschen landen, für die jeder Einkauf zählt.

Gegen 7.30 Uhr kommen die Fahrer zurück. Kisten werden ausgeladen, Brote gestapelt, Obst und Gemüse sortiert. Im Lager riecht es nach frischem Brot, Kaffee, Mandarinen. Nichts wirkt hektisch, aber alles läuft mit Tempo. Handgriffe sitzen, Wege sind klar. Es ist eine Routine, die sich über Jahre entwickelt hat – und trotzdem bleibt jeder Ausgabetag ein bisschen unberechenbar. Mal kommt mehr, mal weniger. Mal ist alles früh weg, mal bleibt etwas übrig. „Wir haben ganz viele Verbindungen zu Firmen und Produzenten aus der Umgebung. Die sind wichtig.

Connections, die über die Jahre aufgebaut wurden, zählen hier. So kommen wir immer an ausreichend Ware“, lässt der Vorstandsvorsitzende blicken. Wurst, Milchprodukte, Süßwaren – hier finden die Tafelbesucher so gut wie alles, was sie zur Grundversorgung brauchen. „Kartoffeln sind bei uns am beliebtesten“, erzählt Rainer.

Ein Morgen, der anders beginnt

Ab 9 Uhr füllt sich die Halle langsam. Immer mehr Helferinnen und Helfer trudeln ein. Aus allen Richtungen hört man ein „Guten Morgen“, ein kurzes Lachen, ein paar persönliche Worte. Jacken werden aufgehängt, Kaffeetassen gefüllt, erste Kisten weitergeschoben. Niemand wirkt gehetzt, niemand abwesend. Wer hier ist, ist da.

„Wie fandest du gestern die Aufführung?“ – gemeint ist ein gemeinsamer Besuch über die Kulturtafel. Rainer Sindersberger richtet die Frage an eine Helferin im Vorbeigehen. „Richtig schön“, sagt sie. Auch einige Kunden waren dabei. Für manche war es der erste Theaterbesuch seit Jahren, für andere einfach ein Abend, an dem man dazugehört hat. „Das ist für uns als Mannschaft auch der Kitt, der uns zusammenhält“, lässt Rainer blicken.

Der Tafelhund Sam spaziert durch den Raum, lässt sich streicheln und verschwindet dann wieder ins Büro. Dort wird er den Vormittag verschlafen. Auch er gehört hier dazu, genauso wie die festen Abläufe und die vertrauten Gesichter. Die Stimmung ist gelöst. Fast familiär. „Empathie ist unser Zauberwort“, sagt Sindersberger. Es klingt nicht wie ein Leitsatz für die Homepage, sondern wie eine Beschreibung dessen, was hier täglich passiert.

Rund 75 Ehrenamtliche arbeiten bei der Weidener Tafel. Ihre Biografien könnten unterschiedlicher kaum sein. Zwei Chirurgen fahren regelmäßig die hauseigenen Transporter – ebenso zwei Piloten. Ein Kinderarzt steht bei der Brotausgabe und hat gleichzeitig die Berechtigung allen Freiwilligen ein Gesundheitszeugnis auszustellen und diese zu schulen. Der Fuhrparkleiter war früher Polizeibeamter. Ein Sozialarbeiter ist handwerklich begabt und gleichzeitig für Hausmeistertätigkeiten verantwortlich. Ein ehemaliger Bänker kümmert sich ehrenamtlich und in Vollzeit um die Finanzen. Der Vorstandsvorsitzende selbst ist Bäckermeister und ist neben seiner ehrenamtlichen Vollzeit-Tätigkeit heute immer noch in der familieneigenen Bäckerei tätig.

Dazu kommen Studierende, Rentner, Personen im Bundesfreiwilligendienst, Menschen mit Fluchtgeschichte, und welche, die über das Jobcenter langsam wieder ins Arbeitsleben finden. Manche bleiben ein paar Monate, andere viele Jahre. „Je unterschiedlicher die Mannschaft, desto besser“, sagt Geschäftsführerin Diana Herrmann. Sie ist seit 2011 bei der Tafel – zuerst ehrenamtlich, dann als Bufdi im Büro, heute in Vollzeit. „Hier erleben viele wieder sozialen Zusammenhalt. Und den nimmt man mit nach Hause.“

Wenn Hilfe keine Einbahnstraße ist

Etwa um 9.45 Uhr kommt die zweite Lieferung. Hinter den Kulissen wird es wieder unruhiger. Das frische Obst und Gemüse muss erneut sortiert und geprüft werden, bevor es in den Verkaufsraum kommt und Abnehmer findet. Pro Schicht sind etwa 25 Helfer im Einsatz. Einige von ihnen waren oder sind selbst Kunden der Tafel. Arthur, der Blumen an die Kunden ausgibt, kommt aus Armenien. Walter ist Maler und hatte bereits fünf Bandscheibenvorfälle. Arbeiten im klassischen Sinne kann er nicht mehr. Hier ist er Teil vom Team und der Gesellschaft. „Wenn bei uns gestrichen wird, sagt er: ‚Das mach nur ich‘“, erzählt Diana Herrmann und lacht. „Dann fragt er gleich, welche Farbe es sein soll.“ Walter ist Kunde – und Helfer. Er gehört dazu. Er ist jemand. „Er fühlt sich hier gebraucht“, sagt sie. „Und das merkt man.“

Dankbarkeit zeigt sich an diesem Ort auf viele Wege. Sie steckt in Gesten. Im Blickkontakt. Im kurzen „Schönes Wochenende“. Rund die Hälfte der Kundinnen und Kunden bedankt sich ausdrücklich. Manche bleiben einen Moment stehen. Manche sagen Sätze wie: „Ich kann dir gar nicht sagen, wie dankbar ich bin.“

Wenn wenig plötzlich alles ist

Punkt 10 Uhr öffnen sich die Türen. Die ersten Kunden warten bereits seit einigen Minuten im Eingangsbereich. Alles ist geregelt: Zeitfenster, Farbsystem, klare Abläufe. Alles funktioniert über einen Ausgabeplan, nach dem jeder Gruppe 20 Minuten zustehen. „Durch diesen Plan kommt jeder Kunde mal als erstes dran und mal als letztes. Das funktioniert im 10-Wochen-Takt, das ist sehr gerecht gegenüber allen Personen“, erklärt der Vorsitzende. „Wir machen aber auch Ausnahmen, wenn jemand mal einen Termin hat oder gebrechlich ist.“ Ein Einlasser sorgt dafür, dass nie zu viele Menschen gleichzeitig im Ausgaberaum sind. Niemand drängelt. Niemand muss sich rechtfertigen.

Wöchentlich werden hier rund 500 Körbe ausgegeben – montags, mittwochs und freitags. Hinter jeder Abholung steckt mehr als nur eine Person. Ein Korb für einen Ein- bis Zwei-Personenhaushalt kostet die Kunden 3 Euro. Haushalte mit bis zu vier Personen müssen 3,50 Euro, und fünf- oder mehrköpfige Familien 4 Euro pro Kiste bezahlen. „Das ist ein symbolischer Wert, um auch unsere Betriebskosten decken zu können“, erzählt die Geschäftsführerin. Rund 1200 Kinder gehören zu den Kunden der Weidener Tafel. Eine Zahl, die abstrakt bleibt – bis man sieht, wie viel Trubel während der Öffnungszeiten in den Verkaufsräumen herrscht.

Armut ist in Deutschland längst kein Randphänomen mehr. Mehr als 13 Millionen Menschen galten im vergangenen Jahr laut neuester Studie des Statistischen Bundesamtes in Deutschland als armutsgefährdet – 16,1 Prozent der Bevölkerung. Viele von ihnen arbeiten, viele haben jahrzehntelang gearbeitet, viele sind schneller in diese Lage geraten, als sie je gedacht hätten.

„Beim ersten Besuch ist die Scham oft groß“, sagt die Geschäftsführerin. „Die Menschen erklären sich. Sie sagen: ,Ich bin vorher noch nie in so eine Situation gekommen.‘“ Ein Satz, der hier häufig fällt – und viel über unsere Gesellschaft aussagt. Eine Begegnung ist Diana Herrmann besonders im Gedächtnis geblieben. Ein Mann stand vor ihr und sagte: „Ich hab kein Geld. Ich will nur zwei Semmeln.“ Mehr brauche man manchmal nicht, um zu verstehen, was Hungern bedeutet.

Auswählen und Würde behalten

In der Weidener Tafel dürfen die Menschen selbst entscheiden, was sie mitnehmen. Niemand bekommt eine anonyme Kiste. „Dann wird auch nichts daheim weggeschmissen“, sagt Sindersberger. Und vor allem: Das bewahrt Würde. „Ich kann niemanden zwingen, etwas mitzunehmen, was er nicht mag“, sagt er. Also gibt es Alternativen. Pizza Margherita neben Pizza mit Schinken. Ein Kunde steht an der Süßwarenausgabe und bekommt die Auswahl zwischen salzigen Chips und welchen mit Paprika. Zielstrebig entscheidet er sich für die Paprika-Chips. Kleine Entscheidungen, die für Außenstehende banal wirken, für die Betroffenen aber viel ausmachen. „Denn was bringt einem Moslem eine Schinkenpizza?“ Auch in den dazugehörigen Ausgabestellen in Vohenstrauß, Floß und Mantel – hier werden in Weiden vorgepackte Kisten zur Verfügung gestellt – wird auf solche Details geachtet. Auch immer mehr vegane Alternativen findet man in den Regalen des alten Supermarktes.

Die Nachfrage schwankt. Im Sommer kommen weniger Menschen, bei großer Hitze bleiben vor allem ältere Menschen zu Hause. Vor Feiertagen wird es voller. „Wie in einem normalen Supermarkt auch.“ Mittwochs ist „Ukrainertag“ – logistisch notwendig. Dann kommen deutlich mehr Menschen als an anderen Tagen. In solchen Momenten merkt man, wie sehr das System gefordert ist – und wie sehr es trotzdem trägt. „Wenn ein paar hundert Leute bei uns waren, ist man um ein oder zwei Uhr dann schon froh, wenn man heim kommt“, sagt Diana Herrmann.

Einkaufen im Sozialkaufhaus

Parallel zur Tafel öffnet das Sozialkaufhaus. Etwa die Hälfte der Kunden nutzt es zusätzlich. Kleidung, Schuhe, Geschirr, Schulranzen, Spielzeug, Kinderbücher, Kosmetik, Deko, Tierbedarf … Ein Kleidungsstück kostet zwei Euro, Babysachen sind mit 50 Cent angesetzt – für größere Artikel nimmt das Kaufhaus ein bisschen mehr. Aber alles kostet nur einen Bruchteil des Originalpreises. Das gilt auch für Neuware direkt vom Hersteller.

Jutta Tietz hat hier alles im Blick. „Nichts liegt hier, was ich nicht selbst geprüft habe“, sagt die Rentnerin, die sichtbar stolz auf ihre zwei Stockwerke ist. Alles wird sortiert, gereinigt, neu eingeordnet. Spenden kommen von Privatpersonen, Firmen, und vor allem auch Herstellern aus der Region – erstaunlich viel Neuware ist dabei. Hier geht es nicht ums Nehmen, sondern ums Kaufen. Um ein Stück Normalität. Um das Gefühl, selbst entscheiden zu dürfen, was man braucht. Personen, die etwas spenden wollen, sind jederzeit während der Öffnungszeiten willkommen. „Mir ist nur wichtig, dass sie lediglich Sachen bringen, die sie selbst auch noch benutzen oder tragen würden.“

Wenn die Türen schließen

Bis 13 Uhr läuft der Betrieb. Gruppen kommen und gehen, die Regale leeren sich langsam. Manche Kunden verlassen die Tafel mit einem vollen Korb an Lebensmitteln, andere haben sich zusätzlich mit Kleidung versorgt. Immer wieder ein kurzer Blick, ein „Danke“. Kleine Gesten, die zeigen, wie wichtig dieser Ort für die Menschen ist.

Nach Ladenschluss wird alles aufgeräumt, sortiert und geputzt. Große Putztage gibt es dienstags und donnerstags. Die Helfer verlassen nach und nach ihre Plätze. Die Halle ist still, der Tag vorbei – und doch hinterlässt er Spuren. In den Kisten, in den leeren Regalen, in den Erinnerungen der Menschen, die heute geholfen oder etwas mitgenommen haben.

Was wäre, wenn es die Tafel nicht gäbe? „Es wäre ein Verlust für unsere Stadtgesellschaft“, sagt Rainer Sindersberger. Und auch für die Umwelt. Tonnen von Lebensmitteln würden weggeworfen werden. Hier bekommen sie eine zweite Chance. „Es ist ein wichtiges Instrument der Nachhaltigkeit. Nachhaltiger geht es nicht – auch mit dem Sozialkaufhaus dazu, wo Glas oder Kleidungsstücke nochmal Verwendung finden. Ohne die Tafel wäre unsere Stadt ärmer – auch an Zusammenhalt und Menschlichkeit.“ Die Tafel ist nicht nur ein Ort der Versorgung. Sie ist ein Ort, an dem Menschen Unterstützung bekommen, ohne sich erklären zu müssen. Ein Ort, an dem Helfende gebraucht werden und die Arbeit der Gemeinschaft sichtbar wird.

Die Tafel und das Sozialkaufhaus funktionieren, weil Menschen Verantwortung übernehmen – Ehrenamtliche, die früh aufstehen, organisieren, sortieren, ausgeben. Menschen, die Mut haben, Hilfe anzunehmen, und so den Kreislauf aufrechterhalten. Hier zeigt sich, dass Hilfe nicht abstrakt ist. Sie passiert jeden Morgen, Schritt für Schritt, Korb für Korb.

Und während die Türen geschlossen werden, ist klar: Morgen beginnt ein neuer Tag. Das System funktioniert, weil es getragen wird – von Menschen, die sehen, dass ihre Arbeit zählt, und von Menschen, die wissen, dass sie nicht allein sind.

 
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